„Präzises Fachwissen, aufbereitet für die Praxis“
Dr. Jan Hermann Koch, Dental-Journalist und -Berater

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Zahnärzte und GBA wollen aktuelles Wissen

Wer ausgiebig Studien und Leitlinien zitiert, macht Texte schwieriger lesbar. Doch trotz verbreiteter Skepsis werden wissenschaftliche Ergebnisse immer wichtiger – zum Beispiel für Leistungserstattungen in der Krankenversicherung. Fachbeiträge sollten den Stand des Wissens klar präsentieren: Umso leichter sind Leser vom Nutzen dargestellter Produkte zu überzeugen.

Wissen ist Macht, das wusste bereits der assyrische König Assurbanipal. In Ninive ließ er eine riesige Bibliothek mit vielen Tausend Tontafeln aufbauen. Der Herrscher des ersten Weltreichs sammelte alle Informationen, die er für relevant hielt und las laut Überlieferung alles selbst. An seinem Hof lernten im 7. Jahrhundert vor Christus auch die Mädchen schreiben. Krankheiten wurden erstmals benannt und Behandlungsmethoden dokumentiert, vielleicht der Anfang der modernen Medizin.

Auch die Medizin profitiert vom stetigen Wissenszuwachs – und damit potenziell auch die Patienten. Viele Praktiker haben daran offenbar Zweifel. So dauert es in den USA durchschnittlich 17 Jahre, bis Leitlinien in der Praxis ankommen. Andererseits wollen die meisten Menschen – das gilt auch für Ärzte – nur mit dokumentierten Methoden oder Produkten behandelt werden.

Es ist also davon auszugehen, dass (zahn-)ärztliche Leser eher Methoden und Produkten vertrauen, die wissenschaftlich abgesichert sind. Trifft dies zu, sollte es bei Fachbeiträgen angemessen dargestellt werden. Was aber tun, wenn Daten (noch) fehlen? Nicht alle genannten Studien müssen sich auf das entsprechende Produkt beziehen. Hilfreich ist auch, dieses in den fachlichen Kontext einzuordnen. Erste Wahl sind hier – trotz aller Kritik – praxisbezogene Leitlinien. Zum Beispiel zur berechtigten Frage, welche Keramikmaterialien für Seitenzahnbrücken geeignet sind.

Konsens und Methodenbewertung

Zu den meisten zahnmedizinischen Behandlungen gibt es jedoch keine Leitlinien. Stattdessen müssen Stellungnahmen und Konsensempfehlungen herangezogen werden. Fehlen auch diese oder ist ihr Verfallsdatum überschritten – wie zum Beispiel bei den meisten „wissenschaftlichen Stellungnahmen“ deutscher Fachgesellschaften – kann die Suche auf internationale Quellen ausgedehnt werden.

Als weitere Instanz dienen die Studien, auf die sich Leitlinien und Empfehlungen routinemäßig stützen. Das sind systematische Review und Metaanalysen oder randomisierte klinische Studien. Sind auch diese Mangelware, können zusätzlich Fallserien oder sogar Fallberichte herangezogen werden.

Praxisbezug im Zentrum

Hier nähert sich die so genannte externe Evidenz aus Studien der internen. Diese beruht auf individueller klinischer Erfahrung, also Expertenmeinungen, aber auch Stellungnahmen von Patienten. Interne Evidenz dient nach eigenen Angaben dem Gemeinsamen Bundes-Ausschuss von gesetzlichen Krankenkassen und Berufsverbänden (GBA) als zusätzliche Basis für Methodenbewertungen.(5)

Ein zentraler Faktor dürften hier aber Berichte des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sein.(6) Diese berufen sich überwiegend auf externe Evidenz, also wissenschaftliche Studien einschließlich gesundheitsökonomischer Daten. Entsprechend sind die Ergebnisse umstritten.

Doch zurück zu dentalen Fachbeiträgen mit Produktbezug: Wie gelingt der Bogen von der hohen Wissenschaft zur Praxis, möglichst ohne dass Leser und Leserinnen unterwegs aussteigen? Hilfreich ist hier zum Beispiel die Publikation von Fallberichten, für die zitierte Studien nur den Rahmen bilden. Der Aufbau entspricht formal wissenschaftlichen Darstellungen in Gutachter-Zeitschriften (Peer Review), mit Einleitung und abschließender Diskussion – heruntergebrochen auf die Praxis. Im Zentrum steht die klinische Darstellung, wenn gewünscht mit Fokus auf Produkteigenschaften, bis hin zu Abrechnungshinweisen.

Zusammenfassung

Wissen ist die Basis für Fortschritte und sichert Qualität, auch in der Zahnmedizin. Bei Fallberichten stehen Methoden, gegebenenfalls Produkte und deren Anwendung im Mittelpunkt – also klinisches Wissen von Zahnärzten oder Zahntechnikern als interne Evidenz. Glaubwürdigkeit erhalten diese Berichte aber erst, wenn sie in den Kontext des aktuell dokumentierten Wissens gestellt werden

Literatur

  1. Filser H. Wissen ist Macht. Wie der Herrscher des ersten Weltreichs vor fast 2700 Jahren die größte Bibliothek seiner Zeit aufbaute. Süddeutsche Zeitung 2018:33.
  2. Norton WE, Funkhouser E, Makhija SK, Gordan VV, Bader JD, Rindal DB, et al. Concordance between clinical practice and published evidence: findings from The National Dental Practice-Based Research Network. Journal of the American Dental Association (1939) 2014;145:22-31.
  3. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften AWMF. AWMF-Regelwerk Leitlinien: Stufenklassifikation. https://www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk/ll-entwicklung - planung-und-organisation/po-stufenklassifikationhtml Aufrufdatum: 20200829.
  4. Carrasco-Labra A, Brignardello-Petersen R, Glick M, Guyatt GH, Neumann I, Azarpazhooh A. A practical approach to evidence-based dentistry: VII: How to use patient management recommendations from clinical practice guidelines. Journal of the American Dental Association (1939) 2015;146:327-336 e321.
  5. Gemeinsamer Bundesausschuss. Arbeitsweise bei der Bewertung von medizinischen Methoden, Arzneimitteln und Medizinprodukten. https://www.g-ba.de/ueber-den-gba/aufgabe-arbeitsweise/stellungnahmeverfahren/ Aufrufdatum 20200829.
  6. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Berichte des Instituts, Anwendungsgebiet: Zähne https://www.iqwig.de/de/projekte-ergebnisse/projekte.1057.html Aufrufdatum 20200829.

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